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EXTREMISMUSFORSCHUNG VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN

Die Themengruppe beschäftigte sich im Rahmen des DVPW-Kongresses IN MAINZ AM 25. SEPTEMBER 2006 mit dem Thema:

EXTREMISMUSFORSCHUNG VOR NEUEN HERAUSFORDERUNGEN

Paul Lucardie (Reichsuniversität Groningen) zeigte in seinem Referat „Demokratischer Extremismus: Ein Widerspruch in sich?“ dass „demokratischer Extremismus“ in Theorie und Praxis existieren kann. Auch wenn er gegenwärtig keine große Gefahr für die Stabilität der westlichen politischen Systeme darstelle, vertrat Lucardie die These, dass sich dies in der Zukunft ändern könnte und versuchte dies in drei Schritten plausibel zu machen. Dabei lehnte er sich zunächst an das Extremismusverständnis in aristotelischer Tradition an und versuchte die Demokratie spezifisch in diesem ideengeschichtlichen, extremismustheoretisch originären Rahmen einzuordnen. Am Ende führte er vier Demokratiemodelle vor, die in diesem Kontext als ‘extrem’ betrachten werden müssten, wobei das identitätstheoretisch-direktdemokratische und das klerokratische Modell (Regierung durch Los) in den Mittelpunkt rückte. Als Beispiele wurden einige Bewegungen und Parteien (aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart) erwähnt, die diese extreme Demokratie in einer oder anderen Variante oder Kombination vertraten /vertreten bzw. realisieren woll(t)en.

Frank Deckers (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn) Thema waren „Neuere Entwicklungen in der Rechtspopulismusforschung“. Mit der Beständigkeit des Populismus hat sich auch der wissenschaftliche Blick auf das rechtspopulistische Phänomen verändert. Die Populismusforschung allgemein ist aus dem Bereich der Parteisystemanalyse herausgewachsen. Frank Deckers Vortrag zeichnete nach, inwieweit sie sich in einer breiteren real- und ideengeschichtlichen Perspektive bewegt, wobei zum einen die Frage des ideologischen Eigengehalts des populistischen Phänomens und zum anderen das Verhältnis des Populismus zur Demokratie im Vordergrund standen.

Tanja Binder (Wissenschaftszentrum Berlin) widmete sich dem Thema "Rechtspopulistische Parteien – eine Bewährungsprobe für die Demokratie". Welche Wirkung die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien in etablierten Demokratien haben und ob sie die demokratische Qualität beeinträchtigen oder tatsächlich eine Erneuerung anstoßen, wurde bislang kaum empirisch vergleichend untersucht. In dem Beitrag wurden insbesondere die konzeptionellen Grundzüge einer systematisch vergleichenden Untersuchung vorgestellt, mit der die Frage beantwortet werden soll, ob und wie rechtspopulistische Parteien zu einer Veränderung der demokratischen Qualität beitragen. In diesem Kontext wurden drei zentrale Bereiche vorgestellt, die auf die Wirkung rechtspopulistischer Parteien hin untersucht werden können: (1) Die parteipolitischen Akteurskonstellationen, (2) die Präferenzen relevanter parteipolitischer Akteure und (3) das Handeln von Regierungen. Ein Schwerpunkt des Vortrags bzgl. (2) und (3) lag dabei in den migrationspolitischen Präferenzen relevanter Akteure und Entscheidungen (relevante Auswirkungen) sowie in der Reformwilligkeit bezüglich politischer Willensbildungsprozesse durch eine Stärkung plebiszitärer Elemente (schwache Auswirkungen).

Jörg-Uwe Nieland (Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung, Universität Duisburg-Essen) befasste sich schließlich mit dem Thema „Rechter HipHop in Deutschland – Scheindebatte oder Gefährdung?“). Im Bereich des HipHop ist nach Auffassung des Referenten eine neue Situation entstanden: Dieser werde längst nicht mit einer ausschließlichen „linken Haltung“ in Verbindung gebracht. Herkunft und nationales Selbstbewusstsein seien zu den zentralen Merkmalen bzw. Themen des deutschen HipHop aufgestiegen. Dabei käme es auch in dieser Musikrichtung zu neuartigen rechtsextremistischen Auswüchsen. Die vom Autor vorgestellte Studie versucht eine Anordnung zu geben, wie das Phänomen mit empirischen Mitteln diagnostiziert werden kann. In Form einer Befragung von Jugendlichen sollen demnach die Verfügbarkeit von HipHop, die Motive diese Musik zu hören und die Einstellungen zu der Musik (genauer den Texten) erhoben werden. Der Referent plädierte dafür, die politische Extremismusforschung auf das Feld des HipHop durch eine Integration der Popmusikforschung zu erweitern und Handlungsempfehlungen für die Politik wie die Popmusikpädagogik zu erarbeiten.

Zu Sprechern des Arbeitskreises wurden gewählt: Dr. Steffen Kailitz und Dr. Lazaros Miliopoulos

In den nächsten beiden Jahren möchte die Themengruppe u.a. Veranstaltungen zum Extremismus in postkommunistischen Gesellschaften wie zum Islamismus durchführen. Bitte senden Sie Vortragsvorschläge und Informationswünsche über die Gruppenarbeit an die beiden Sprecher.

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