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TAGUNG DES ARBEITSKREISES ZUM THEMA "PERSPEKTIVEN DER VERGLEICHENDEN EXTREMISMUSFORSCHUNG" AM 20. OKTOBER 2012 IN BONN

Tagung des Arbeitskreises zum Thema "Perspektiven der vergleichenden Extremismusforschung" am 20. Oktober 2012 in Bonn

Die Tagung gliederte sich in fünf Einheiten.

Im ersten Teil ("Extremismus in Bewegung? Entwicklungen und Perspektiven im Zuge der europäischen Staatsschuldenkrise") befasste sich Tom Mannewitz (TU Chemnitz) zunächst in einer Korrelationsanalyse mit dem Zusammenhang von ökonomischen Rahmendaten und den Wahlergebnissen extremistischer Parteien in Europa. Für den Erhebungszeitraum seit 1990 kam er zu dem Ergebnis, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen ökonomischen Entwicklungen und extremistischen Performanzen lediglich bezogen auf die Höhe der Inflationsraten und das Ausmaß sozialer Gleichheit resp. Ungleichheit, aber nicht bezogen auf die Kriterien "Arbeitslosigkeit" und "Staatsverschuldung" konstatiert werden kann. Da aber, wenn auch schwache, Effekte durch soziale Ungleichverteilungen und neue Unsicherheiten als Folge des Abbaus des Sozialstaates auftreten, ist ein mittelbarer Zusammenhang mit ökonomischer Erfolglosigkeit, Arbeitslosigkeit oder Austeritätspolitik erkennbar. Allerdings sollten gerade vor dem Hintergrund niedriger Korrelationsmaße nicht-ökonomische und institutionelle Angebotsfaktoren nicht unterschätzt werden. Florian Hartleb (CES Brüssel) stellte die Frage in den Mittelpunkt, ob Populisten und Extremisten den europäischen Integrationsprozess gefährden. Im Ergebnis konstatierte er, dass sich durch die europäische Staatsschulden- und Finanzkrise einerseits ganz neue Gelegenheitsstrukturen für rechts- wie linkspopulistische Parteien ergeben haben und damit einhergehend auch Modernisierungsprozesse und neue Performanzen zu erklären sind (z.B. in Holland, Finnland, Frankreich, Schweden und Ungarn). Andererseits erweitere dies die Bandbreite zwischen extremistischen und nicht-extremistischen Spielarten des Populismus immens (bis hin zu militanten Spielarten in Ungarn, Südosteuropa und Griechenland), so dass bisher keine Europäisierung des euroskeptischen Populismus eingetreten ist.

Im zweiten Teil ("Das Phänomen NSU") setzten sich Armin Pfahl-Traughber (Fachhochschule Brühl) und Christoph Busch (Universität Siegen) mit dem NSU-Phänomen auseinander. Während Pfahl-Traughber systematisch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum frühen Links- und Rechtsterrorismus herausarbeitete, kon-zentrierte sich Busch auf die Frage, ob es sich bei den NSU-Taten anhand der soziologisch gängigen Gegenüberstellung von "kalter" / "terroristischer" und "heißer" / "affaktiver" Gewalt um einen neuen Typ extremistischer Gewalt handele. Pfahl-Traughber betonte als Besonderheiten der Zwickauer Zelle deren Selbstradikalisierung, die fehlende Kommandoebene, ihre "unvernetzte" Lage, eine lange Bestandszeit, das Fehlen einer kommunikativen Dimension und damit einhergehend das Fehlen jeder Öffentlichkeit der Aktionen. Insbesondere letzteres, verbunden mit einem ungewöhnlich hohen Konspirationsgrad, verweist nach Busch auf einen neuen Typus der extremistischen Gewalt, der zudem in einem sehr ambivalenten Verhältnis zur These der Selbstradikalisierung stehe. Im Typus der NSU-Gewalt spiegelte sich zugleich ein System der De-Humanisierung wieder, das wiederum typisch für die NS-Ideologie sei. In beiden Fällen wurde betont, dass es sich nur um eine erste Annäherung an das Thema handeln könne, da noch sehr viele offene Fragen im Raume stehen.

Im dritten Teil ("Vergleichende Ansätze") hinterfragte Andreas Umland (Kyiv-Mohyla Academy Kiew) im Vortrag "Post-Soviet Russian and Ukrainian Right-Wing Extremism: The Paradox of Difference in Two Seemingly Most Similar Systems", aus welchen Gründen der russische Rechtsextremismus sowohl in subkultureller wie parteipolitischer Hinsicht sich so viel stärker und militanter entwickeln konnte als in der Ukraine, obwohl die beiden politischen Systeme in institutioneller und historischer Hinischt strukturell ähnlich konfiguriert sind. Erklären ließe sich das mit mehreren Ursachenfaktoren: der Existenz einer "informellen russischen Partei" und, damit einhergehend, des Umstand eines "fabrizierten Rechtsextremismus", einer strukturellen Bikulturalität in der Ukraine, die einer ausgeprägten Monokulturalität in Russland entgegenstehe sowie eines postimperialen Kontextes des russischen Nationalismus, der mit einem befreiungsnationalistischen Grundzug im ukrainischen Fall kontrastiere. Ali Hedayat (Institute for Advanced Studies Lucca) wiederum setzte in seinem Vortrag "The Claim-Making of Marginalized Social Movements - A Qualitative Comparative Study of the Islamist Movement Party Hizb-ut-tahrir and the German Right-wing Party NPD" seinen Vergleich zwischen zwei Organisationen aus zwei unterschiedlichen ideologischen Lagern an, wobei es sich in einem Fall um einen nationalen, im anderen um eine transnationalen Akteur handelt. Beide Organisationen wurden dabei als marginalisierte Bewe-gungsunternehmer definiert und auf dieser Grundlage für den Erhebungszeitraum von 2001 bis 2011 in ihren Reaktionen auf staatliche Abwehrmaßnahmen hinsichtlich ihres ideologischen Framing und Claim-Making miteinander ins Verhältnis gesetzt. In beiden Fällen machte Hedayat grundlegende Gemeinsamkeit aus: im Falle der ideologischen cover frames dominiert ein ausgeprägter Antiglobalisierungsdiskurs, im Falle des claim making ein "Antidsikriminierungsansatz" im Rahmen eines Opferdiskurses.

Im vierten Teil wurden die Dynamiken und Prozesse des Salafismus unter die Lupe genommen. In theoretischer Hinsicht machte Frank Horst (Institute for Counter-Terrorism Hezliya) in seinem Vortrag "Towards a Dynamic Analysis of Salafi Activism" zwei Master-Frames salafitischer Ideologie aus, tawhid in der Auseinandersetzung mit gemäßigten Muslimen und umma, was sich vornehmlich gegen die Nichtmuslime richte. Beide Begriffe wiederum können einen radikalen "mekkanischen" oder gemäßigt "medinensischen" Kontext aufweisen. Auf dieser Grundlage stellte Herr Horst eine neue Typologie zur Einordnung islamistischer Bewegungen vor, welche eine Alternative zu der s.E. zu statischen Einteilung in puristische, politische und djihadistische Spielarten darstellen könnte. Dirk Baehr (Universität Bonn) konzentrierte sich in seinem Vortrag auf die Radikalisierungsprozesse von Jugendlichen im salafistischen Milieu und fragte nach zielführenden Präventionsansätzen. Dabei müsse neben polizeilichen Mitteln ein durchdachter Deradikalisierungsansatz eine führende Rolle einnehmen, der aus Identitätsangeboten, Aussteiger- und Gegenprogrammen, milieuinterner Aufklärungs- und Loslösungsarbeit und einer ausgefeilten Delegitimationsstrategie bestünde.

Im letzten Teil kamen die sozialreligiösen Dimensionen extremistischer Organisationen und Bewegungen zur Sprache. Manuel Becker (Universität Bonn) analysierte aus einer forschungspraktischen Motivation heraus religionsähnliche Tendenzen im aktuellen linksextremen Sprektrum. Mithilfe seines Beitrags zeigte er so auf, wie sich durch den eigentlich aus der vergleichenden Diktaturforschung stammenden Untersuchungsansatz der "politischen Religion" ein überzeugendes Instrumentarium entwickeln lässt, mit Hilfe dessen der Übergang vom weltanschaulich begründeten Gedanken zur konkreten politischen Tat untersucht werden kann. Zum Abschluss stellte Lazaros Miliopoulos (Universität Bonn) die Frage, ob es sich bei den führenden Ideologieangeboten des globalen Jihadismus (Qutb, Azzam) um klassische Fälle "politischer Ersatzreligionen" oder "politisierter Religionen" handele. Der globalrevolutionäre Jihadismus ließe sich demnach als eine "politische Religion" im immanentistischen Sinne deuten, die "Gott" nur im Munde führt, aber im Grunde das Recht des Stärkeren propagiere. Diese Sicht jedoch sei nur im Kontext eines westlich-christlichen Gottesverständnisses möglich, das zugleich ein spezifisches Spannungsverhältnis zwischen "Zeit" und "Ewigkeit" ausdrückt. Eine wichtige Weiterung im Denkansatz der "politischen Religion" bestünde daher darin, dass sich die Frage des totalitären Gehaltes einer Ideologie in erster Linie danach bemessen sollte, ob das besagte Spannungsverhältnis und die daraus resultierende politisch-theologische Dissozierungs- wie symbolische Artikulationsfähigkeit zwischen Immanenz und Transzendenz im Kern angegriffen wird oder nicht, und weniger danach, ob eine Ideologie dem Selbstverständnis oder im Grunde nach entweder "überweltlich" oder "innerweltlich" ist.

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