Sie sind hier: Startseite Archiv THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER VERGLEICHENDEN DIKTATURFORSCHUNG

THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER VERGLEICHENDEN DIKTATURFORSCHUNG

Die Themengruppe beteiligte sich im Rahmen einer Tagung der Sektion „Vergleichende Politikwissenschaft“ der DVPW (in Zusammenarbeit mit zahlreichen AKs und Gruppen) mit einem Panel zur „Vergleichenden Diktaturforschung“ IN DELMENHORST VOM 9. BIS 11. NOVEMBER 2008 mit dem Thema:

THEORETISCHE GRUNDLAGEN DER VERGLEICHENDEN DIKTATURFORSCHUNG

Steffen Kailitz (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden) gab einen Überblick über „Stand und Perspektiven der Vergleichenden Diktaturforschung. Er bemängelte dabei, dass im Bereich der Vergleichenden Politikwissenschaft Defizite erkennbar seien. So würde die Erforschung gegenwärtiger Diktaturen vernachlässigt. Vergleiche beschränkten sich zudem noch immer auf wenige Länder. Eine quantitative Diktaturforschung, um etwa Diktaturen zu „messen“ oder die Entstehungs- oder Verfallsgründe von Diktaturen vergleichend zu erforschen, gebe es in Deutschland kaum. Um die Forschungslage zu verbessern, sah er es u.a. als notwendig an, die klassische Unterteilung in totalitäre Diktaturen (zu enger Typus) und autoritäre Diktaturen (zu weiter und heterogener Typus) zu überwinden. Nicht zuletzt müsse die deutsche Diktaturforschung sich verstärkt mit alternativen Diktaturunterscheidungen (etwa in elektorale und geschlossene Autokratien) auseinandersetzen.

Uwe Backes (Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Dresden) entwickelte in Auseinandersetzung mit der Forschung eine neue Typologie autokratischer Systeme auf der Ebene der offiziellen Herrschaftslegitimation. Die beiden Pole der Typologie bildeten Despotismus (bzw. Sultanismus) und „Ideokratie“. Während der Despotismus einer geistigen Grundlage entbehre, vielmehr durch kleptokratischen Klientelismus gekennzeichnet sei, entwickelten ideokratische Systeme umfassende ideologische Systeme, die einen Bruch mit der Geschichte herbeizuführen beanspruchten. Dazwischen siedelte Backes Absolutismus und Autoritarismus an. Verfüge der Absolutismus über eine dynastisch-traditionale Herrschaftslegitimation, fehle dem Autoritarismus die dynastische Legitimitätsgrundlage. Autoritäre Systeme rekurrierten demgegenüber auf traditionale Mentalitäten, eine Terminologie, die sich in diesem Punkt an die bekannte Begrifflichkeit Juan J. Linz' anschloss.

Lazaros Miliopoulos (Universität Bonn) untersuchte in seinem Vortrag, inwieweit der „Totalitarismus“ als im Grunde phänomenaler Befund der Ideengeschichte in der Vergleichen Diktaturforschung stärker Berücksichtigung finden könnte, so dass auch die empirische Forschung die Möglichkeit besäße, sauber zwischen einerseits totalitären und autoritären „Weltanschauungsdiktaturen“, andererseits zwischen „primär nicht-ideologischen“ (z.B. das Tujillo-Regime oder das gegenwärtige Birma) und „primär ideologischen“ (mentalitätsgestützten, synkretistischen, nationalistischen) Autoritarismen in autoritären Diktaturen zu unterscheiden. Terminologisch könnten auf diesem Wege phänomenologisch unklare Zuordnungen wie „Posttotalitarismus“ vermieden werden. Ein „dysfunktionaler Totalitarismus“ sollte demnach eindeutig dem totalitären (Ideologie-)Typus zugeordnet und die Frage der Herrschaftsstruktur als Sekundärkriterium betrachtet werden.

Artikelaktionen