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Uwe Backes: Entwicklung und Elemente des Extremismuskonzepts

Einführung

Die Extremismus-Vokabel ist heute weit verbreitet, aber über die Geschichte des damit verbundenen Konzepts ist noch wenig bekannt. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion herrscht häufig Unklarheit über seine Inhalte und seinen methodologischen Status. Das führt nicht selten zu Mißverständnissen in Kontroversen, die weder durch unüberbrückbare weltanschauliche Differenzen noch durch unvereinbare epistemologische Prämissen erzwungen sind.

Mit den folgenden Ausführungen soll ein Beitrag geleistet werden, um solche Mißverständnisse zu vermeiden. Das Extremismus-Konzept könnte Forschungsbereiche und -strömungen mit unterschiedlichen Aufmerksamkeitsschwerpunkten und methodischen Arbeitsweisen integrieren. Angesichts der Abschwächung der politisch-ideologischen Lager seit den 1980er Jahren dürfte die Hoffnung nicht unangebracht sein, bislang nebeneinander- oder gegeneinanderher arbeitende Richtungen könnten auf diese Weise zu einem fruchbaren wissenschaftlichen Dialog zusammengeführt werden.

Ich zeichne im ersten Teil skizzenhaft die Begriffsgeschichte von „Extremismus“ nach. Ich arbeite zu diesem Thema seit längerem an einer Monographie und biete insofern einen Einblick in die „Werkstatt“. (1) Auf der Grundlage des konzeptgeschichtlichen Stoffs entwickle ich dann Umrissen eines Forschungskonzepts, das dem verbreiteten Sprachgebrauch und dominierenden begriffsgeschichtlichen Konnotationen Rechnung trägt und zugleich den Anspruch erhebt, den heutigen Erfordernissen wissenschaftlicher Terminologie Genüge zu leisten.
 

Konzeptgeschichte

Für die westliche politische Tradition und Sprache bestimmend war das aristotelische Lob der Mitte und deren Gegenüberstellung mit den beiden Extremen eines Kontinuums, die mit Maßlosigkeit und Entartung gleichgesetzt wurden. Die Denkfigur fand in verschiedenen Bereichen Anwendung: In der Ethik wurde die sittliche Tüchtigkeit (arete) als Mitte (mesotes) zwischen polarisierten Grundhaltungen bestimmt. Auf sozialem Feld strich Aristoteles die Vorzüge einer mittelschichtenzentrierten Gesellschaft heraus. Und auf politisch-institutioneller Ebene sollten divergierende Interessen duch eine Mischung von Verfassungselementen ausgeglichen werden. In der besten Staatsform, der "Politie", als der Stabilität und Bürgerfreiheit am besten gewährleistenden Verfassung waren diese ethischen, sozial-strukturellen und politisch-institutionellen Elemente miteinander vereint.

Vor allem in Gestalt der Lehre von der Mischverfassung fanden aristotelische Ideen Eingang in den modernen Konstitutionalismus. Anhand des frühliberalen Bestsellers "De l'esprit des loi" läßt sich dies exemplarisch aufzeigen. Vor allem bei der Charakterisierung der beiden einander entgegengesetzten instabilen bzw. unfreiheitlichen Verfassungen: der Despotie und der (direkten) Demokratie, griff Montesquieu auf das Attribut "extrem" zurück. In despotischen Staaten herrsche „ein extremer Gehorsam" (III/10). Werde die Knechtschaft zeitweilig von Volksbewegungen durchbrochen, erreichten "die Unruhen" (V/11) regelmäßig extreme Ausmaße, während sie sich in (gemäßigten) Monarchien in Grenzen hielten. Von der (direkten) Demokratie heißt es, sie werde in ihrer Existenz gefährdet, sobald sich ein "Geist extremer Gleichheit" ausbreite. In diesem Falle schlage sie um in den "Despotismus eines einzelnen" (VIII/1). Die Mäßigung der Verfassungsprinzipien erklärt Montesquieu daher zum Leitgedanken seines Werkes: „Ich sage es, und es scheint mir, als hätte ich dieses Werk nur verfaßt, um dies zu beweisen: Der Geist der Mäßigung muß der des Gesetzgebers sein; und das politisch Gute, wie das moralisch Gute findet sich stets zwischen zwei äußersten Enden.“ (2)

Für die heutige Terminologie bestimmend war die Formierung der politischen Strömungen im Zuge der Französischen Revolution und ihre parlamentarische Gruppierung zur Rechten und Linken des Rednerpultes. Die Rechts-Links-Unterscheidung wurde alsbald mit den altbekannten Kategorien "gemäßigt" und "extrem" verknüpft. Man sprach nun vielfach von "extrémité gauche" und "extrémité droite". (3) Liberale Beobachter entdeckten die strukturellen Gemeinsamkeiten der ideologischen Extrempole im Vergleich zum Verfassungsprogramm des Konstitutionalismus.

Das Bild von der Mitte und den politischen Extremen war nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland, wo sich die liberalen und demokratischen Kräfte vielfach an den Vorgängen jenseits des Rheins orientierten, weit verbreitet. Es entsprach dem Selbstverständnis des liberalen Bürgertums, seinen politischen Weg zwischen den Extremen konservativer oder gar absolutistischer Rückwärtsgewandheit einerseits und utopisch-egalitärer Zukunftsgläubigkeit andererseits zu suchen. Die Geschichte der europäischen Revolutionen bot zahlreiche Beispiele dafür, daß die Machtübernahme eines Extrems die des nächsten begünstigte. In seiner Schrift „Teutschland und die Revolution“ beschrieb Joseph Görres 1819 den typischen Verlauf revolutionärer Umwälzungen als ein Wechselbad extremer Tendenzen. So hatten in Frankreich „Girondisten, Jacobiner, Cordeliers sich vertrieben, und in den Niederlanden den Geusen, bald die Bilderstürmer sich angeschlossen, weil immer die Raserei der vorigen Stufe der Folgenden als eine kalte Lauigkeit erscheint; bis endlich Schritt vor Schritt die ganze Leiter menschlichen Frevels durchlaufen, alles Bestehende gestürzt, alles Feste zerschmettert, alles Hohe geschleift, aller Besitz gewechselt ist. Wenn aber nun in solcher Weise die Natur in anarchistischem Wüthen sich erschöpft, tritt als nothwendiger Gegensatz wieder die Herrschaft der Einheit ein, die anfangs die ermüdeten Kräfte leicht bezwingt, dann aber, da das im Innersten aufgeregte Leben große Widersprüche und die heftigsten centrifugalen Richtungen geweckt, nothwendig scharf und eng die Masse zusammengreifend, nach und nach sich zum höchsten Despotismus steigert, und wieder eine andere entgegengesetzte Stufenfolge von Freveln durchläuft, bis endlich eine äußere oder innere Catastrophe, nun ein ganzer Umlauf vollendet ist, die Extreme wieder gegen die Mitte lenkt.“ (4) Im Gegensatz zu seinen späteren Jahren war Görres damals noch ein glühender Verfechter einschneidender Reformen in Richtung auf den liberalen Rechtsstaat – und zugleich ein entschiedener Gegner einer mit unkalkulierbaren Risiken verbundenen Revolution à la française. Das Staatsschiff zwischen den Extremen hindurchzusteuern, setzte den sicheren Blick für das politisch Mögliche, den Ausgleich zwischen den verschiedenen sozialen Kräften, deren institutionelle Balancierung und Bändigung voraus. Statt dessen neigten die extremen Richtungen dazu, ein politisches Grundprinzip – etwa das der Gleichheit, das der Freiheit oder das der Ordnung und Sicherheit – bis zur äußersten Konsequenz zu treiben, die Unterschiedlichkeit der sozialen Interessen zu ignorieren und das historisch Gewachsene zugunsten eines gedachten Idealzustands mutwillig zu zerstören.

Die deutsche Vormärzliberalen sprachen statt von den politischen Extremen oft von den „Ultras“ beider Seiten. Deren Gemeinsamkeit wurde mit der superlativischen Wendung „Ultraismus“ auf den Begriff gebracht. Das Substantiv „Extremismus“ kam später auf. Es scheint erstmals von dem Leipziger Philosophen und sächsischen Parlamentarier Wilhelm Traugott Krug geprägt worden zu sein. In einem Supplement seines mehrbändigen „Allgemeinen Handwörterbuchs der philosophischen Wissenschaften“ – aus dem Jahre 1838 - heißt es: „Extremisten heißen die, welche keine richtige Mitte anerkennen wollen, sondern sich nur im Extremen gefallen. Gewöhnlicher sagt man aber Ultraisten.“ (5) Trotz dieser frühen Prägung bürgerte sich die Vokabel in Deutschland erst spät ein.

Viel früher geläufig war sie in den USA, wo die radikalen Kontrahenten in der Sklavereifrage in den Jahren vor, während und nach dem Bürgerkrieg als „extremists“ bezeichnet wurden. Auf dem europäischen Kontinent verbreitete sich die Formel aber erst während des Ersten Weltkriegs, und zwar nach Ausbruch der Februarrevolution in Rußland als Bezeichnung für die „Maximalisten“ oder „Bolschewisten“, die die revolutionäre, provisorische Regierung kompromißlos bekämpften und für eine sofortige Beendigung des Krieges eintraten. Ihre Ideen entstammten der radikalen Zimmerwalder Linken und der strategischen Konzeption Lenins, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil bald eine führende Rolle übernehmen sollte und für viele Journalisten der westlichen Staaten zur Inkarnation des politischen Extremismus wurde. Der französische Jurist und Ideenhistoriker Maxime Leroy beschrieb in seinem Buch „Les techniques nouvelles du syndicalisme“ als erster systematisch die “extremistische Ideologie“ Lenins. Sie wolle mit allem historisch Gewachsenen „tabula rasa“ (6) machen, die natürliche Pluralität durch eine von der Logik diktierte Einheit ersetzen. Der Tod der Freiheit sei die Folge: „Die zu logischen Geister sind autoritär, und vom Autoritarismus zur Grausamkeit führt nur ein kurzer Weg, den alle von ihrem Glauben erfüllten Autoritären leichten Herzens beschreiten.“ (7)

Jene politischen Strömungen und Gruppierungen, die während des 19. Jahrhunderts die „extreme Rechte“ verkörpert hatten, wurden in den ersten Jahren nach dem Weltkrieg nur selten als „Extremisten“ bezeichnet. Leroy hatte den Ultramonarchismus in seinen Betrachtungen mit dem Bolschewismus in Parallele gesetzt. Aber im Vergleich zu den Vorgängen in Rußland mußten die politischen Pläne der Königsfreunde schon damals anachronistisch und harmlos erscheinen. Das Bild von der extremen Rechten begann sich aber zu wandeln, als der Anführer der 1919 gegründeten „fasci di combattimento“, der frühere Sozialist Benito Mussolini nach dem gelungenen Propagandacoup des „Marsches auf Rom“ im Herbst 1922 an die Schaltstellen der Macht gelangte. Der bis dahin als politisches Phänomen noch wenig wahrgenommene Faschismus rückte nun mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und wurde – trotz der offenkundigen Anleihen beim Sozialismus und revolutionären Syndikalismus – bald zur Inkarnation der neuen extremen Rechten.

Die Kozeptbildung von „Extremismus“ verlief bezeichnenderweise zeitlich und inhaltlich parallel zur Prägung des Totalitarismusbegriffs, und zwar in beiden Fällen im Kontext des frühen italienischen Antifaschismus. Geistige Pionierarbeit leistete dabei Luigi Sturzo, der Anführer der 1918/19 nach dem Vorbild der deutschen Zentrumspartei gegründeten Volkspartei („Partito Popolare“). Diese hatte bei den Parlamentswahlen vom 16. November 1919 20,6 Prozent der Stimmen errungen und so war Sturzo für einige Jahre zu einem der führenden politischen Gestalten Italiens und nach dem „Marsch auf Rom“ zeitweilig zum gefährlichsten Gegenspieler Mussolinis avanciert. (8) Sturzo hatte die Faschisten von Anfang an illusionslos beurteilt und die Naivität der sogenannten „clericofascisti“ kritisiert. Gleichzeitig warnte er vor egalitär utopischen Sozialexperimenten, die am linken Flügel seiner ungewöhnlich weitgefächerten Partei ebenfalls Anhänger hatten. Wenn Sturzo in der Parteizeitung „Il Popolo Nuovo“ am 26. August 1923 die Prinzipien des „centrismo“, seines zentristischen Kurses, erläuterte, war das eine Richtungsbestimmung nach außen wie nach innen. Das politische Programm des „centrismo“ sei „temperato e non estremo“ (9), weil es sich auf eine christliche Ethik gründe und die Möglichkeit eines Zustandes der Vollendung und eines absoluten Guten auf Erden grundsätzlich bestreite. Weder Sozialisten noch Faschisten teilten diese Weltsicht: „Die Sozialisten sagen: das Übel rührt von der bürgerlichen Verfaßtheit der Gesellschaft; man muß sie beseitigen, danach wird die neue Ordnung kommen: sie sind Extremisten, weil sie zu einer absoluten Auffassung gelangen. Die Faschisten sagen: die Nation wird nur gedeihen, wenn sie in ihren Grundlagen, ihrem Denken, ihrem sozialen Leben ‚faschisiert’ ist: sie neigen zu einem Absolutum und sind also wie jene ‚Extremisten’. Nennen wir die einen aus purer Bequemlichkeit Extremisten der Linken, die anderen Extremisten der Rechten, und zwar in bezug zur bürgerlichen Gesellschaft; dessen ungeachtet entspricht die ‚monopolistische’, ‚absolutistische’, ‚extremistische’ Tendenz der Natur ihrer Bewegung.“ (10) Wie man sieht, war Sturzo weit davon entfernt, die ideologischen Unterschiede der Extrembewegungen zu ignorieren. Aber die „Gewohnheit“, sie nach ihren vorwiegenden sozialen Trägergruppen an den beiden einander entgegengesetzten Flügeln des politischen Spektrums zu verorten, täuschte nach seiner Auffassung doch über die wesentliche Gemeinsamkeit hinweg. Sie lag darin, daß beide inhaltlich so unterschiedliche Strömungen die eigene Weltsicht verabsolutierten und die Legitimität jeder anderen bestritten. Sie dehnten die Sphäre des Politischen auf alle Lebensbereiche aus, ließen nichts Privates mehr zu und wollten das ganze Leben der Menschen nach den Maximen ihrer Doktrin bestimmen. Es konnte daher mit dem historisch Gewachsenen und den verschiedenen sozialen Kräften keinen substantiellen Kompromiß geben. Die ganze Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen erschien als zu beseitigender Wildwuchs; ein Daseinsrecht hatte nur, was den ehernen Prinzipien einer allumfassenden Weltanschauung entsprach.

Der Antiextremist Sturzo mußte noch im gleichen Jahr auf Weisung des Vatikans sein Amt als Parteisekretär niederlegen. Pius XI. stand dem politischen Engagement des Priesters ablehnend gegenüber, das Verhältnis des Vatikans zu dessen Partei hatte sich nach der Machtübernahme Mussolinis auch aus strategischen Gründen abgekühlt. Im Oktober 1924 verließ Sturzo Italien. Erst 1946 sollte er – nach vielen Jahren im Exil in London und New York – wieder in seine Heimat zurückkehren, nun als großer alter Mann des katholischen italienischen Antifaschismus. Im Exil hatte er zu den führenden Verfechtern der Totalitarismuskonzeption gehört, mit der Faschismus und Bolschewismus auf eine Vergleichsebene gestellt wurden. In mehreren Monographien hatte er sich mit den Grundlagen von Kirche und Staat auseinandergesetzt. Er wird heute neben Jacques Maritain zu den bedeutendsten Vertretern des christlichen Personalismus gezählt. (11) Aber sein Beitrag zur Systematisierung des Extremismuskonzepts ist – ganz zu Untrecht – der Vergessenheit anheimgefallen.

Den ersten Schritten zur Konzeptualisierung des Extremismusbegriffs bei Leroy und Sturzo folgten lange Zeit keine weiteren. Allerdings breitete sich die Vokabel weiter aus. Sie fand sich in den Schriften zahlreicher deutscher Emigranten, die das nationalsozialistische Deutschland verließen. Zu nennen sind u.a. Karl Löwenstein, Franz Borkenau, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und Otto Rühle. (12) Keiner dieser Autoren knüpfte jedoch direkt an Leroy oder Sturzo an, keiner entwickelte den Begriff systematisch fort.

Es waren amerikanische Wissenschaftler, die „Extremismus“ als Gegenbegriff zur „liberalen Demokratie“ in die wissenschaftliche Terminologie einführten. Vor allem die Arbeiten von Edward A. Shils und Seymour M. Lipset sind hier zu nennen. (13) „Extremismus“ firmierte hier als Gegensatz zu „pluralism“, und „Pluralismus“ wiederum bildete den Kerngehalt der „liberalen Demokratie“. In diesem Sinne wurde das Konzept in den Sozialwissenschaften intensiv rezipiert. So fand es Eingang in die jungen Sozialwissenschaften des deutschen Weststaates, wo es sich in den sechziger Jahren ausbreitete und nach und nach die in Deutschland traditionsreichere Radikalismusvokabel verdrängte. In den Auseinandersetzungen um die neuen systemkritischen oder gar -feindlichen Bewegungen von rechts und links, NPD und Neue Linke, setzte sich der Extremismusbegriff durch. Die westdeutschen Behörden für Verfassungsschutz paßten sich Anfang der siebziger Jahre der neuen Diktion an. Seit dem Verfassungsschutzbericht für das Jahr 1974 firmieren antidemokratische Bestrebungen nicht mehr als „radikal“, sondern als „extremistisch“. Der Extremismusbegriff ist auf diese Weise Bestandteil der deutschen Amtssprache geworden, was wiederum manche wissenschaftliche Autoren veranlaßt hat, von ihm Abstand zu nehmen.
 

Strukturen und Inhalte des Begriffs

Die mit den politischen Formeln „Extreme“ und „Extremismus“ verbundene Begriffsgeschichte belegt zunächst die Abhängigkeit vom jeweiligen historischen Kontext, die im äußersten Fall so weit führen kann, daß als Ausdruck einer „goldenen Mitte“ gilt, was zuvor als extrem bekämpft worden war. Die Inhalte, die sich an das Bild von der Mitte und den Extremen knüpfen, sind ständigen Veränderungen unterworfen und umfassen schon deshalb widersprüchliche Ideen und Anschauungen, weil die politischen Kontrahenten den auf sie gemünzten Begriff zum Teil aufgreifen und mit anderen Bedeutungen füllen.

Angesichts der wechselhaften Geschichte könnte man versucht sein, dem Extremismusbegriff seine Eignung für eine wissenschaftliche Terminologie und Konzeptbildung ganz abzusprechen. Entspräche man einer solchen Forderung, müßte man allerdings die meistenSchlüsselbegriffe der historisch-politischen Sprache ausmustern. Denn sie sind allesamt in unterschiedlichen Kontexten verwendet, von diversen politischen Strömungen vereinnahmt und für politische Auseinandersetzungen instrumentalisiert worden. Das antike Wort „Demokratie“ und seine windungsreiche Geschichte belegen dies eindrucksvoll. Wenn für alle mißbrauchten Begriffe neue Formeln erfunden werden müßten, entartete die längst von Fremdwörtern überfrachtete geisteswissenschaftliche Sprache zu einem für die meisten unverständlichen Kauderwelsch.

An der Verwendung von Begriffen mit nebulösem Bedeutungsgehalt führt also kein Weg vorbei. Der Politikwissenschaftler muß sich wohl oder übel der oft lästigen Pflicht unterziehen, die mit bunt schillernden historisch-politischen Inhalten besiedelten Bedeutungsfelder so zu definieren, daß sie dem verbreiteten Verständnis weitestgehend Rechnung tragen und zugleich hohe Trennschärfe gewinnen. Dies ist nicht immer leicht zu bewerkstelligen.

Läßt sich der Wort- und Begriffsgeschichte überhaupt etwas für die wissenschaftliche Konzeptualisierung abgewinnen? Diese Frage ist ohne Einschränkung zu bejahen. Nur auf diese Weise kann man ein umfassendes Bild der Inhalte und Assoziationen gewinnen, die mit verbreiteten Formeln bewußt oder unbewußt verknüpft sind. Zudem wird der Blick auf mögliche Regelmäßigkeiten und Konstanten im Bedeutungsgehalt der Begriffe gelenkt, an denen die Konzeptbildung ansetzen kann.

Die Wort- und Begriffsgeschichte läßt folgende Aussagen über Struktur und Inhalt der behandelten Formeln zu:
1.   Bei den Substantiven „Extrem“ und „Extremismus“ handelt es sich um superlativische Wendungen. Sie sind nicht steigerbar, weil sie – räumlich gesprochen – die weiteste Entfernung von einem bestimmten Punkt bezeichnen.
2.   Der Extremismusbegriff reiht sich wie „Tyrannis“, „Despotie“ oder „Diktatur“ in die Schar der negativen Verfassungsbegriffe ein. Er besitzt eine pejorative Konnotation und ist Ausdruck einer Abwehrhaltung, die sich aus historischen Grunderfahrungen speist. Diese Grunderfahrungen haben prägend auf das abendländische politische Denken gewirkt.
3.   Negative Verfassungsbegriffe sind ihrer Natur nach antithetisch, sie bilden einen Gegensatz zu politischen Inhalten, die positiv besetzt sind und mit denen man sich identifiziert. Positive Verfassungsbegriffe in diesem Sinne sind in der Gegenwart z.B. Demokratie, Verfassungsstaat oder Rechtsstaat.
4.   Negative Verfassungsbegriffe sind im allgemeinen Fremdbezeichnungen, d.h. sie dienen zur Etikettierung von politischen Meinungen, Handlungsformen und Akteuren, von denen man sich scharf abgrenzt. Auf diese Weise entsteht das, was Reinhart Koselleck eine „asymmetrische“ Sprachsituation genannt hat (14): Die Bezeichneten können es zumeist nicht hinnehmen, daß sie auf diese Weise etikettiert werden. Sie distanzieren sich von der Etikettierung, bezweifeln die Tragfähigkeit ihres Inhalts, streichen ihren denunziatorischen Charakter heraus und bestreiten ihre wissenschaftliche Begründungsfähigkeit. Dies erklärt u.a. die Umstrittenheit negativ-antithetischer Verfassungsbegriffe. Gelegentlich drehen die negativ Etikettierten den Spieß um und wenden das Etikett auf jene an, die es im Munde führen. Aus der negativen Fremdbezeichnung wird dann eine positive Selbstbezeichnung: Das bekannteste Beispiel ist die Übernahme der von den Liberalen geprägten Totalitarismusvokabel durch Mussolini.
5.   Mit jeder Ablehnung wird eine bestimmten Kriterien entsprechende Wahl getroffen. Die Ablehnung erfolgt auf der Grundlage einer Minimalethik. Wesentliche Bausteine dieser Minimalethik entstammen der aristotelischen Tradition. Wenn das stimmt, deutet dies auf einen Kerngehalt hin, der über die Jahrhunderte hinweg unverändert geblieben ist. Dieser semantische Kern besteht keineswegs in dem Bekenntnis zu einem klar umrissenen, in allen Einzelheiten beschriebenen Ideal. Vielmehr handelt es sich um Vorstellungen über das unbedingt Abzulehnende. Der Konsens in der Negation verengt das Spektrum der als legitim geltenden Wahlmöglichkeiten, läßt aber zahlreiche Wege zum als gut erachteten Ziel zu. Der Inhalt des Konsenses über das unbedingt Abzulehnende läßt sich auf vier Punkte bringen: 1. Pluralismus statt Monismus: Der Staat vereint eine Vielheit von Menschen und Menschengruppen, deren Interessen und Anschauungen verschieden, aber gleichermaßen legitim sind. Er kann also weder in seinem Aufbau noch in seinen Entscheidungsprozessen ausschließlich nach den Maximen eines Einzelnen oder einer Gruppe geformt sein. 2. Gemeinwohlorientierung statt egoistischer Interessenwahrnehmung: Eine legitime Ordnung muß der Idee des Gemeinwohls verpflichtet sein. Unter der Bedingung der Pluralität müssen also verschiedene Interessen und Anschauungen Berücksichtigung finden. 3. Gesetzesstaat statt Willkürstaat: Eine politische Ordnung muß Regeln vorsehen, denen alle, auch die jeweils Regierenden, unterworfen sind. Dies ist ohne eine gewaltenkontrollierendes Institutionengefüge kaum zu realisieren. Und schließlich 4. Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung: Entscheidungen sind nur dann anerkennungswürdig, wenn zumindest eine faire Chance bestand, sich an deren Zustandekommen zu beteiligen. Das politische System muß mithin Verfahren für den kontrollierten Konfliktaustrag und einen unter Pluralitätsbedingungen organisierten Willensbildung- und Entscheidungsprozeß nach den sich jeweils ergebenden Mehrheiten vorsehen.

Abschließend seien knapp die Konsequenzen skizziert, die sich aus diesen begriffsgeschichtlich erarbeiteten Einsichten für die wissenschaftliche Konzeptbildung ergeben. Ähnlich wie das Konzept der „Diktatur“ kann der Extremismusbegriff als Antithese zu dem des Verfassungsstaates – oder der „liberalen Demokratie“ gefaßt werden. „Extremismus“ wäre demnach die Negierung der Mindestbedingungen (im Sinne einer Minimaldefinition) des Verfassungsstaates. „Extremismus“ und „Verfassungsstaat“ sind methodologisch als „Typusbegriffe“ einzustufen. Sie umfassen in modellhafter Weise Merkmalbündel, an denen die stets hochkomplexe historisch-politische Wirklichkeit gemessen werden kann. Ich habe in diesem Zusammenhang bewußt von „Konzept“ und nicht von „Theorie“ gesprochen. „Theorien“ formulieren nach verbreitetem Verständnis Bedingungen, unter denen bestimmte Ereignisse eintreten. „Konzepte“ hingegen entwickeln einen aus historisch-politischen Sinngehalten zusammengefügten Deutungsrahmen, der erst die Grundlage für die Formulierung von „Theorien“ nach diesem Verständnis bildet. In den Deutungsrahmen lassen sich vielfältige Theorien und Hypothesen integrieren. Wenn es gelingt, sich auf seine Mindestbestandteile zu verständigen, ist auf diese Weise ein Fundament für die fruchtbare Zusammenarbeit verschiedener Forschungsbereiche und -strömungen gelegt. Eben dafür wollte ich mit meinem Vortrag werben.
 

Anmerkungen

(1)  Weitere Einblicke bieten folgende Veröffentlichungen: Uwe Backes, Extrême, extrémité, extrémisme. Une esquisse de l’histoire de ces mots dans la langue politique francaise, in: Mots, Nr. 55/1998, S. 142-152; ders., Le syndrome extrémiste, in: Stéphane Courtois (Hrsg.), Quand tombe la nuit. Origines et émergence des régimes totalitaires en Europe, Lausanne 2001, S. 315-329; ders., Extremismus und politisch motivierte Gewalt, in: Eckhard Jesse/Roland Sturm (Hrsg.), Demokratien des 21. Jahrhunderts im Vergleich. Historische Zugänge – Gegenwartsprobleme – Reformperspektiven, Opladen 2003, S. 341-367, hier S. 344-348.
(2)  „Je le dis, et il me semble que je n'ai fait cet ouvrage que pour le prouver: l'esprit de modération doit être celui du législateur; le bien politique, comme le bien morale, se trouve toujours entre deux limites.“ (XXIX/1) Anstelle von "limites" hätte er auch schreiben können: "extrêmes". - Siehe auch Walter Kuhfuss, Mäßigung und Politik. Studien zur politischen Sprache und Theorie Montesquieus, München 1975; Alois Riklin, Montesquieus freiheitliches Staatsmodell. Die Identität von Machtteilung und Mischverfassung, in: Politische Vierteljahresschrift 30 (1989), S. 420-442.
(3)  Vgl. Patrick Brasart, Paroles de la Révolution. Les Assemblées parlementaires 1789-1794, Paris 1988, p. 102-104; Fernand Brunot, Histoire de la langue française des origines à nos jours, Bd. IX: La Révolution et l'Empire, deuxième partie: Les événements, les institutions et la langue, Paris 1967, S. 769 passim; Max Frey, Les transformations du vocabulaire français à l'époche de la Révolution (1789-1800), Paris 1925, S. 46; Marcel Gauchet, La droite et la gauche, in: Pierre Nora (Hrsg.), Les lieux de mémoire, vol. III: Les France. 1. Conflits et partages, Paris 1993, p. 395-467; Pierre Retat, Partis et factions en 1789: émergence des désignants politiques, in: Mots 1988, Nr. 16, S. 69-89, hier S. 82 f.
(4)  Joseph Görres, Teutschland und die Revolution (1819), in: Ders., Gesammelte Schriften, hrsg. von der Görres-Gesellschaft, Bd. 13: Politische Schriften (1817-1822), Köln 1929, S. 101.
(5)  Wilhelm Traugott Krug, Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften nebst ihrer Literatur und Geschichte. Nach dem heutigen Standpuncte der Wissenschaft bearb. und hrsg., 2. verbesserte u. vermehrte Aufl., Bd. 5 als Supplement. Erste Abtheilung, Leipzig 1838, S. 394.
(6)  Ebd., S. 94.
(7)  Ebd., S. 95.
(8)  Vgl. Jean-Dominique Durand, Italien, in: Jean-Marie Mayeur u.a. (Hrsg.), Die Geschichte des Christentums. Religion – Politik – Kultur, Bd. 12: Erster und Zweiter Weltkrieg. Demokratien und Totalitäre Systeme (1914-1958), Freiburg im Brsg./Basel/Wien 1992, S. 440-498, hier S. 474-483.
(9)  Luigi Sturzo, Il nostro „centrismo“, in: Il Popolo Nuovo (Rom) vom 26. Aug. 1923. Wiederabdruck in: ders., Il Partito Popolare Italiano, Bd. 2: Popolarismo e Fascismo, Turin 1924, S. 241-248, hier S. 243.
(10)  Ebd., S. 244: „I socialisti dicono: il male viene dall’ordinamento borghese della società; bisogna abbatterlo, dopo verrà il novus ordo: essi sono estremisti, perché arrivano ad una concezione assoluta. I fascisti dicono: la nazione potrà prosperare solo quando sarà ‘fascistizzata’ negli ordinamenti, nel pensiero, nella vita sociale; essi tendono ad un assoluto e quindi sono anch’essi ‘estremisti’. Chiamiamoli per pura comodità gli uni estremisti di sinistra, gli altri estremisti di destra, e ciò in riferimento alla società borghese; ma la tendenza ‘monopolista’, ‘assolutista’, ‘estremista’ è nella natura del loro movimento.“
(11)  Vgl. Sergio Belardinelli, Die politische Philosophie des christlichen Personalismus, in: Karl Graf Ballestrem/Henning Ottmann (Hrsg.), Politische Philosophie des 20. Jahrhunderts, München 1990, S. 243-262.
(12)  Karl Loewenstein, Contrôle législatif de l’extrémisme politique dans les démocraties européennes, Paris 1939; Franz Borkenau, The Totalitarian Enemy, London 1940, S. 22; Otto Rühle, Brauner und Roter Faschismus (1939), in: Ders., Schriften. Perspektiven einer Revolution in hochindustrialisierten Ländern, hrsg. von Gottfried Mergner, Hamburg 1971, S. 20; Theodor W. Adorno, Studien zum autoritären Charakter (1950), 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1982 (1973), S. 150; Hannah Arendt, Ideologie und Terror, in: Bruno Seidel/Siegfried Jenkner (Hrsg.), Wege der Totalitarismus-Forschung, 3. Aufl., Darmstadt 1974 (1968), S. 166.
(13)  Siehe vor allem: Edward Shils, The Torment of Secrecy. The Background and Consequences of American Security Policies, Melbourne u.a. 1956; Seymour M. Lipset, Political Man. The Social Basis of Politics, New York 1960; ders./Earl Raab, The Politics of Unreason. Right-Wing Extremism in America, 1790-1977, 2. Aufl., Chicago/London 1978 (1970).
(14)  Vgl. Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft, Frankfurt a.M. 1979, S. 211-259. Siehe auch Melvin Richter, Aristoteles und der klassische griechische Begriff der Despotie, in: Hans Maier u.a. (Hrsg.), Politik, Philosophie, Praxis. Festschrift für Wilhelm Hennis zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1988, S. 21-37, hier S. 24.

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